Der "LernFuchs"

Das Wochenende war mal wieder zu Ende und Max ging am Montagmorgen wie immer mit gesenktem Kopf, klopfendem Herzen und Bauchweh in die Schule. Er hatte am Samstag Geburtstag gehabt. 12 Jahre war er nun alt. Seine Eltern waren mit ihm in einen riesigen Zoo gefahren, in dem er durch eine Wüstenlandschaft gewandert war. Eine riesige Vogelspinne war auf ihn zu gekrabbelt. Gott sei dank war da eine Glaswand zwischen gewesen. Oh, er hätte so viel erzählen können.

Aber nun war Montag. Er musste in die Schule gehen und dort wäre sicherlich alles wieder wie immer. Die Lehrer würden unendlich viele Fragen stellen, auf die er keine Antwort wusste. „Hast du den Text immer noch nicht verstanden?“„Na ja, das kennen wir ja schon von dir!“So würde es in allen Fächern aussehen. Ja, er konnte wirklich noch nicht richtig lesen, obwohl er nun in die fünfte Klasse ging. Es fiel ihm schwer Buchstaben zu erkennen.

Oft fragte er sich, warum eigentlich das d und b sich so ähnlich sein mussten. Aber er fand darauf einfach keine Antwort. Klar war einfach nur, nach einer Zeile wurden seine Augen müde und er konnte nicht mehr weiterlesen. „Wie seine Klassenkameraden das wohl machten?“, aber das hatte er sich in der Grundschule auch schon gefragt.

Auf dem Weg zur Schule kam er an einem alten, verlassenen Bauernhof vorbei. Oft schon hatte er sich vorgestellt, einfach mal dorthin zu gehen und nicht in die Schule zu gehen. Kein Stress, keinen Frust und seine Klassenkameraden würden ihn eh nicht vermissen. Unentschlossen blieb er vor dem riesigen Torbogen stehen. Sollte er, sollte er nicht, sollte er… ? Je länger er vor dem Tor stehen blieb, umso ruhiger wurde er. Seine Bauchschmerzen ließen nach, sein Herz klopfte langsamer und dann ging er ohne weiter nachzudenken einfach durch das Tor. Er überquerte den breiten Hof und ging auf die Haustür zu. Vorsichtig drückte er den Knopf herunter und siehe da, die Tür öffnete sich. Nun begann sein Herz heftig zu pochen, als er den ersten Schritt über die Schwelle tat. Kurz dachte er noch einmal an die Schule, an seine Lehrer, was wohl passieren würde, aber dann vergaß er alles und hoffte auf ein kleines Abenteuer.

Seine Mutter hatte ihm schließlich immer viele Geschichten vorgelesen, über verlassene Burgen, Kinder die in endlosen Abenteuern plötzlich die Hauptrollen spielten. Vielleicht würde er hier auch so etwas erleben. Im Inneren des Hauses standen alle fünf Türen offen und so drang genügend Licht in die Halle, um alles genau erkennen zu können. Der Boden war gekachelt, in einer Ecke stand ein alter Schrank. So einen Schrank hatte seine Oma auch im Wohnzimmer stehen. An der gegenüberliegenden Wand stand eine Standuhr. Sie zeigte 11.45 Uhr an. Der Zeiger der Uhr bewegte sich nicht und auch das Pendel hing leblos herunter. Alles war sauber, es sah so aus, als ob gerade jemand hinausgegangen wäre und wohl bald wiederkäme. Sollte er wohl besser gehen? Aber nein! Es konnte keiner kommen, er wusste, dass seit einigen Jahren hier niemand mehr lebte. Das alte Bauernpaar, das hier gelebt hatte und bei denen seine Mutter oft die Milch geholt hatte, war tot. Leider hatten sie keine Kinder gehabt und so wusste niemand, was mit dem Hof geschehen sollte.

„Was wollte er eigentlich hier?“, stellte er sich die Frage. „Hier muss ich nicht lesen.“Das war eigentlich schon Antwort genug. Als er noch weiter darüber nachdachte, hörte er ein sanftes Geräusch. Ein Huschen, mehr war nicht zu hören. Er erschrak mächtig und war schon bereit zu gehen, aber da besiegte seine Neugierde die Angst. Vorsichtig ging er in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Es schien aus der alten Küche zu kommen. So nahm er all seinen Mut zusammen und wagte sich bis zur Küchentür vor. Er streckte seinen Kopf hinein und auf den ersten Blick war alles ordentlich und aufgeräumt. An der Wand links der Tür stand ein Küchenbüffetschrank. Rechts standen der alte Kohleherd und der Küchenherd.

Max stand nun mitten in dieser Küche und versuchte sich vorzustellen, wie die beiden wohl gelebt hatten. Verglichen mit der Küche in seinem Elternhaus, sah es hier wie in einem Museum aus. Dennoch spürte er Leben und eine gewisse Anziehung, die von dieser Küche ausging. Aber wo war eigentlich das Geräusch, das er eben gehört hatte? Mutig ging er noch einen Schritt weiter in die Küche hinein und schloss hinter sich die Türe. Es war niemand zu sehen. „Hallo, ist hier jemand?“, fragte er ganz zaghaft und seine Stimme klang ängstlich und schüchtern. Zunächst erhielt er keine Antwort. Aber da, da hörte er wiederum dieses Geräusch. Er schaute sich um, aber noch konnte er nichts und niemanden erkennen. Seine Beklemmung und Angst wuchs nun von Minute zu Minute. Er hörte seinen Herzschlag überdeutlich und er war sich sicher, dass jemand, der mit ihm in diesem Raum war, ihn auch hören konnte. „Sollte er jetzt denn nicht besser gehen?“, fragte er sich.

Entschlossen drehte er sich um und wollte gerade die Küchentür öffnen, als aus dem Geräusch ein zartes Stimmchen wurde. „He, warum willst du denn schon gehen? Du bist doch gerade erst hier.“Die Stimme klang freundlich und auch ein bisschen ängstlich und machte Max Mut. „Eigentlich will ich ja gar nicht gehen“, murmelte er, „aber ich sehe hier niemanden.“„Wo bist du denn, und wer bist du?“„Na, dann schau dich doch einfach um“, antwortete der Jemand. Max schaute sich um, aber er konnte niemanden sehen.

Max wartete eine Weile und dann versuchte er noch einmal zu erfahren , wo sich die Stimme befand. „Nun zeig dich doch endlich, oder hast du etwa Angst vor mir?“, sagte er. „Ich werde dir schon nichts tun.“„Ich mache dir einen Vorschlag. Heute unterhalten wir uns ein bisschen, ohne dass du mich siehst. Morgen kommst du dann wieder und dann werde ich entscheiden, ob du mich sehen darfst oder nicht.“Max dachte kurz nach. Er war schon sehr neugierig, aber er hatte auch ein wenig Angst. „Wenn es nun ein kleines Ungeheuer war, das da mit ihm sprach?“„Versprichst du mir wirklich, dass ich dich morgen sehen kann?“„Ja, wenn du morgen wiederkommst, werde ich mich dir zeigen“, sagte die Stimme. „Nun erzähle mir aber zunächst ein bisschen über dich und vor allem, wieso bist du eigentlich nicht in der Schule? Kleine Jungen wie du haben doch eigentlich morgens Unterricht, oder?“„Ja, das stimmt“, antwortete Max kleinlaut, „aber ich bin eh dumm und im Übrigen merkt keiner, ob ich morgens in der Schule bin oder nicht.“„Das verstehe ich nicht“sagte die Stimme. „In der Schule sind doch viele Schüler, die auf dich warten, deine Lehrerin, deine Freunde, … .“

„Puh, meine Freunde“, unterbrach ihn Max , „ich habe in der Schule keine Freunde. Keiner will mit mir spielen.“– „Du kannst ja eh nicht lesen, sagen sie immer“, erklärte Max und während er sprach, wurde er immer trauriger. „Aber zum Fußballspielen oder Fangen, oder - ach mir fällt nichts mehr ein, muss man doch nicht lesen können, oder?“fragte die Stimme. „Natürlich nicht, aber alle halten mich für dumm. Aber vielleicht bin ich ja auch dumm, denn ich bin der Einzige, der es nicht kann“, sagte Max. „Also, ich glaube nicht, dass du dumm bist, denn ich kann auch nicht schreiben und ich weiß, dass ich sogar sehr klug bin. Wenn ich manche Leute reden höre, sagen sie sogar, dass ich sehr klug bin,“sagte die Stimme. „Aber wenn ich jetzt so nachdenke, solltest du, glaube ich, jetzt besser gehen und vor allem solltest du in die Schule gehen, denn dort kannst du eine Menge lernen.“Max dachte nach und sagte: „Na ja, vielleicht hast du Recht und ich sollte zumindest noch zur zweiten Stunde in die Schule gehen. Da haben wir Mathematik. Das ist eh mein Lieblingsfach. Da hab ich immer gute Noten.“„Was sind denn Noten,“fragte die Stimme. „Du scheinst mir ja ein komischer Kauz zu sein, wenn du noch nicht mal weißt was Noten sind,“lachte Max.

Christa Heyer

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